





Kurze Analyse
Haupthindernisse das andere Gesundheits-/Krankheitsverständnis, niederer sozioökonomischer Status, der Faktor Migration und Sprachbarrieren. Hinzu kommt, dass das deutsche Gesundheitssystem sowie Möglichkeiten der „Selbsthilfe“ unbekannt sind. Dies führt zu sozialer Isolation und Ausgrenzung durch deutschsprachige Mitbürger.
Migranten mit hohem sozioökonomischem Status haben wesentlich weniger Probleme sich in die deutschen Gegebenheiten einzufügen.
Hierzu der Literaturhinweis:
Quelle: Bundesgesundheitsbl 2009 • 52:55–63, C. Kofahl • J. Hollmann • B. Möller-Bock
Gesundheitsbezogene Selbsthilfe bei Menschen mit Migrationshintergrund. Chancen, Barrieren, Potenziale
Muttersprachliche Selbsthilfegruppen der ethnischen Minderheiten bieten große Chancen für gesundheitliches Selbstmanagement und Krankheitsbewältigung, doch sind sie selten. Gründe hierfür sind zum einen die Unkenntnis vieler Migranten über die Unterstützungsmöglichkeiten für Selbsthilfegruppen, u. a. weil der Begriff „Selbsthilfe“ in vielen Sprachen keine Entsprechung hat. Zum anderen sind die Schambesetzung und Tabuisierung bestimmter gesundheitlicher Probleme, Angst vor Deanonymisierung in den ethnischen Gemeinden, unterschiedliche Gesundheits- und Krankheitskonzepte, mangelnde Vorstellung vom Potenzial eigener Kompetenz und Selbstwirksamkeit, aber insbesondere auch Illiteralität Barrieren für die Selbsthilfeaktivitäten.
Der vorliegende Beitrag beschreibt die Bedeutung der Selbsthilfe bei Migranten unter besonderer Berücksichtigung der Migrantenselbstorganisationen und skizziert den derzeitigen Stand der Diskussion innerhalb der Selbsthilfe sowie der Selbsthilfeunterstützung. Schließlich werden potenzielle Multiplikatoren, Vernetzungsbeispiele und Qualifizierungsmaßnahmen zur Förderung der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe unter Migranten aufgezeigt.
Sehr geehrte Frau Dr. Sievers, Sie beschäftigten sich seit Jahren mit dem Thema Transkulturalität und Migration. Ich möchte Ihnen als Expertin einige Fragen stellen und den Fokus darauf richten, welche Ansätze es schon gibt, um Kinder aus Migrantenfamilien im deutschen Gesundheitssystem besser zu integrieren.
1. Welche Migrantenkinder bzw. Familien mit Migrationshintergrund werden durch das öffentliche Gesundheitssystem in Deutschland bisher unzureichend erreicht?
Trotz vieler Initiativen, den Zugang für alle Kinder mit Migrationshintergrund zu Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitsversorgung effektiv zu verbessern, ist gesundheitliche Chancengleichheit noch nicht erreicht. Besondere Probleme bestehen für drei Gruppen:
• Zuwandernde Kinder, die als „Quereinsteiger“ in unser Gesundheits- und Schulsystem kommen;
• Kinder und Jugendliche „ohne Papiere“, als Flüchtlinge und/oder mit ungesichertem Aufenthaltsstatus der Familien;
• Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen oder chronisch kranken Eltern.
2. Wie kann diese „Erreichbarkeit“ Ihrer Meinung nach verbessert werden?
Vor Ort werden niederschwellige Angebote benötigt, die in dem Dossier des Kindernetzwerks beispielhaft beschrieben werden. Zu ihrer Strukturqualität müssen bei Bedarf Kultur- und Sprachmittlung für alle Familien in Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitsversorgung gehören.
Generell benötigen wir strukturelle Maßnahmen im Sinne einer länderübergreifenden Bundesstrategie. Viele Fragen, die den Zugang zur gesundheitlichen Versorgung für alle Kinder betreffen unterliegen durch die aufenthaltsrechtlichen Lagen der Eltern Faktoren, die auf Bundesebene geregelt sind. Möglicherweise gehen von dem Nationalen Aktionsplan zur Integration, der Anfang 2012 verabschiedet werden soll, wichtige Impulse aus.
Alle Maßnahmen, die im Zuständigkeitsbereich des Gemeinsamen Bundesausschusses liegen (z.B. Vorsorgeuntersuchungen) sollten für Kinder so ausgerichtet werden, dass sie für Kinder mit Migrationshintergrund effektiv offen sind.
Auf kommunaler Ebene sollte das Thema Migration und Kindergesundheit „aus einer Hand“ für die Eltern gestaltet und die zuständigen Bereiche als Standard koordiniert werden.
3. Welche Erfahrungen gibt es schon vor Ort? Kennen Sie Projekte aus Pädiatrie/ ÖGD, die erfolgreich Migrantenkinder bzw. Mütter/ Eltern mit Migrationshintergrund erreichen?
Inzwischen gibt es viele positive Beispiele (s. Dossier), Projekte haben grundsätzlich den Nachteil, dass sie immer nur über einen bestimmten Zeitraum geplant sind. Oftmals können Sie nicht in die Routine überführt werden, wertvolle Ressourcen gehen verloren. Grundsätzliche Fortschritte sind jedoch nur dann zu erwarten, wenn systematische Lösungen gefunden werden.
4. Was ist Ihrer Meinung nach besonders wichtig im Umgang mit Familien mit Migrationshintergrund?
Man kann nicht über jedes mögliche Herkunftsland eines Kindes informiert sein, aber Wissen über grundsätzliche Faktoren der Interkulturellen Kommunikation ist hier sehr hilfreich. Leider wurde bisher der Bereich „Kulturelle Kompetenz“ in den Ausbildungen von Gesundheitsfachpersonal noch zu wenig berücksichtigt, im Fortbildungssektor besteht hier ein großer Bedarf.
Im Umgang mit Kindern und ihren Familien ist es gerade in der Kinder- und Jugendmedizin wichtig, Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Sitten und Gebräuchen zu zeigen, diese zu respektieren und – soweit möglich – zu berücksichtigen. Im Vordergrund sollte immer das Wohl des Kindes stehen.
Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Informationen.
B. Blank 11.11.2011