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MIGRANTENKINDER: GROSSE FÄHIGKEITEN UND DOCH VERNACHLÄSSIGT


10.08.2006 – Bei der Fußball-Weltmeisterschaft war die Freude über die vielen Gäste aus aller Welt groß gewesen. Auch freute man sich über die Tore der zugewanderten Nationalspieler Miroslaw Klose und Lukas Podolski. Nicht ganz so ungetrübt scheint dagegen die Einstellung der Deutschen zu Menschen und speziell Kindern aus anderen Teilen der Welt zu sein, die schon lange hier leben. Nur so ist es zu erklären, dass die Vor- und Fürsorge für diese Kinder mit Migrationshintergrund sträflich vernachlässigt wird, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGSPJ) in Ulm.

Immerhin sind heute zwölf Prozent der Grundschulkinder laut Statistischem Bundesamt ausländischer Herkunft. In Stuttgart oder Frankfurt kommen sogar 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren aus Familien mit Migrationshintergrund. In Fördereinrichtungen oder im Praxisalltag von sozialpädiatrisch orientierten Kinder- und Jugendärzten stellen sie einen hohen Anteil von bis zu 30 Prozent unter allen zu behandelnden Kindern dar. Dies liegt vor allem daran, dass Migrantenkinder häufiger krank und übergewichtig sind, schlechtere Zähne haben, ein erhöhtes Risiko für Unfälle tragen und vor allem deutlich mehr – häufig sprachlich bedingte – Entwicklungsstörungen aufweisen.

Die Ursachen hängen für den Sozialpädiater und DGSPJ-Vorstandsmitglied Dr. Olaf Kraus de Camargo vor allem damit zusammen, dass Migrantenfamilien zumeist wenig integriert in Ghetto-artigen Verhältnissen leben und dadurch kaum die deutsche Sprache richtig lernen können. Zudem wird häufig auch die Muttersprache vernachlässigt, was zur doppelten Halbsprachigkeit führe. Schließlich würden Therapie- und Beratungsangebote auch an den mangelnden sprachlichen Fähigkeiten der Eltern und der Fachleute selbst scheitern. Bleibt bei den Kindern der Schulerfolg aus, ist der Weg zur Förderschule vorgezeichnet. „Die Ausgrenzung“, so Kraus de Camargo, „wird somit fortgesetzt.“

Dabei gibt es erfolgreiche Ansätze, wie Migrantenkinder gut integriert werden können. In Kiel werden Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Rahmen des auch von der EU geförderten Projektes "etki" mit Ausbildungshilfen für Fachschulberufe erfolgreich gefördert. In Stuttgart erhalten Migrationsfamilien – koordiniert vom Gesundheitsamt – über die Kindertageseinrichtung und über eine enge Vernetzung mit anderen Diensten wie Migrationsfachdiensten oder dem Jugendamt gezielte Unterstützung. Das Projekt "MIMI - Migranten für Migranten" der Betriebskrankenkassen zielt darauf ab, Migranten selbst als Mediatoren zu schulen, um das erlernte Wissen zu Fragen der Ernährung, der Unfallprävention, der Mundgesundheit oder auch der Familienplanung an junge Migrantinnen
weiter zu geben. Bundesweit unterstützt schließlich die Stiftung Mercator Initiativen zur Verbesserung der sprachlichen und fachlichen Fähigkeiten von jungen Migranten durch außerschulischen Förderunterricht.

Dies alles sind ermutigende Beispiele, die aber nicht darüber hinweg täuschen dürfen, dass es an systematischen Ansätzen bei der Versorgung von Migrantenkindern in Deutschland mangelt, kritisiert DGSPJ-Präsident Professor Harald Bode aus Ulm. Dies, so Bode, sei um so bedauerlicher, da Kinder mit Migrationshintergrund erstaunliche Fähigkeiten entwickeln können. Konkret denkt Olaf Kraus de Camargo an die so genannten bikulturellen soft skills (Ausschöpfung der Potenziale von zwei Kulturen), der Förderung der Sprachenvielfalt auch für deutsche Kinder und auch an die ausgesprochen hohe Mobilitätsbereitschaft junger Migranten. Diese wird am Arbeitsmarkt zunehmend gefordert, ist jedoch bei deutschen Jugendlichen weniger ausgeprägt.

Um diese und andere Potenziale von Migrantenkindern in Zukunft besser zu nutzen, fordert Bode für die DGSPJ:

 Mehr Respekt und aktivere Wertschätzung der Kinder aus einem ausländischen Herkunftsland, seiner Kultur und Sprache. So entsteht Integration auf beiden Seiten da ein solches Vorgehen den Kindern deutscher Herkunft zur Entwicklung von Toleranz
gegenüber dem "Anders-Sein" verhilft.
 Frühes Erlernen der deutschen Sprache! Gezielte Programme, die schon im Kindergarten beginnen sollten, müssen jeweils nach Gruppenstärke und ethnischer Zusammensetzung individuell (auch gegebenenfalls für Eltern) eingerichtet werden.
 Bei Kindern mit Therapie- oder besonderem Förderbedarf müssen bikulturelle Besonderheiten berücksichtigt werden. Dazu ist es zum Beispiel notwendig, im Behandlungsteam Zugang zu zweisprachigen Therapeuten oder Sozialarbeitern zu haben oder auch Testverfahren möglichst in mehreren Sprachen vorzuhalten.

Die DGSPJ selbst fördert den Integrationsprozess dadurch, indem sie in jedem Jahr bei ihrer Jahrestagung den "Preis für Transkulturelle Pädiatrie" für besonders herausragende Projekte zugunsten von Migrantenkindern verleiht.
Kös
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