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DEFIZITE BEI GESUNDHEITLICHER UND PSYCHOSOZIALER FÖRDERUNG VON SOZIAL BENACHTEILIGTEN FAMILIEN


02.11.2007 - Kinder und Jugendliche sind nach den Ergebnissen des ersten Kinder- und Jugend-Surveys (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts (RKI) offenbar bei weitem nicht so gesund wie bisher vermutet. Im Rahmen dieser bundesweit repräsentativen Studie sind 17.641 Jungen und Mädchen im Alter von null bis 17 Jahren einbezogen worden. Dabei handelt es sich um die verlässlichsten Daten, die es in Deutschland je zum Thema Kindergesundheit gegeben hat. Wie Heike Hölling von der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung der RKI berichtet, zeigt jedes siebte Kind in Deutschland Symptome für psychische Auffälligkeiten. Das Ausmaß der psychischen Probleme hänge eindeutig mit dem sozioökonomischen Status zusammen. Besonders schlecht sieht es um die Gesundheit und psychosoziale Versorgung benachteiligter Kinder – zum Beispiel aus Hartz IV- oder Migrantenfamilien – aus. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) fordert deshalb Vorsorge- und Beratungsangebote, mit denen isolierte oder gefährdete Familien auch tatsächlich erreicht werden können. Für den Würzburger Sozialpädiater Professor Hans-Michael Straßburg, Vizepräsident der DGSPJ, besteht dazu akuter Handlungsbedarf.

Fast jedes vierte Kind mit niedrigen sozialen Status zeigt psychische Auffälligkeiten. Bei Kindern aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status sind es dagegen lediglich 8,1 Prozent. Bei Kindern mit Migrationshintergrund werden Verhaltensauffälligkeiten häufiger festgestellt als bei Kindern von Nicht-Migranten. Jeder fünfte Jugendliche im Alter zwischen elf und 17 Jahren hat zudem Anzeichen für eine Essstörung. Dabei sind Mädchen mit 28,9 Prozent hochsignifikant häufiger betroffen als Jungen (15,2 Prozent). Auch hier weisen Migrantenkinder im Vergleich zu Nicht-Migranten eine um 50 Prozent erhöhte Quote auf.

Aus diesen und vielen weiteren alarmierenden Daten der KiGGS-Studie leitet Straßburg die Forderung ab, die Strukturen einer sozialen und psychosozial ausgerichteten Pädiatrie in Deutschland zu stärken. Notwendig sei dazu zunächst einmal ein Votum des Deutschen Ärztetages, um die qualifizierte Weiterbildung in der Sozialpädiatrie anzuerkennen. Sozialpädiatrisch orientierte Ärzte widmen sich gesundheitlich benachteiligten Kindern und Jugendlichen in ganz besonderer Weise. Weiterhin müssten bereits im Studium, in der Facharztweiterbildung und in der Fortbildung Themen, die die gesundheitliche Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen widerspiegeln, in größerem Umfang berücksichtigt werden. Zwingend notwendig sei es auch, den bisher einzigen Lehrstuhl für Sozialpädiatrie an der Universität München, der derzeit zur Disposition stehe, zu erhalten.

All dies werde aber nur wenig nutzen, wenn nicht rasch verbesserte Versorgungsstrukturen für die gesundheitlich besonders gefährdeten Kinder und Jugendlichen in Deutschland geschaffen werden, meint Straßburg. Dazu sei es notwendig, den Öffentlichen Gesundheitsdienst so zu stärken, dass Kinder- und Jugendärzte Kindergärten und Schulen von sich aus aufsuchen können, damit kein Kind aus dem Versorgungssystem herausfallen kann. Wirkungsvoller ist jedoch die frühe Vorsorge. So wollen einige Bundesländer nun vor allem die effektive Frühprävention für alle Kinder bis zum Alter von vier Jahren vorantreiben. Werden die Früherkennungsuntersuchungen U4 bis U9 nicht wahrgenommen, ergreift das Jugendamt die Initiative, indem zunächst schriftlich an die versäumte Vorsorge erinnert wird. Falls sich die Eltern auch dann nicht melden, werden die Familien direkt aufgesucht. Damit können auch die benachteiligten oder isolierten Kinder erreicht werden, die ansonsten bereits nach dem ersten Lebensjahr aus jeglicher gesundheitlichen Versorgung herausfallen.

Schließlich muss nach Ansicht von Straßburg insbesondere die psychosoziale Versorgung von Familien verbessert werden. Denn viele Eltern von Risikokindern beklagen nach den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage der Organisation Kindernetzwerk e.V., dass sie zu wenig Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung oder der Sozialberatung erhalten. Auch bei Familienkrisen – etwa bei finanzieller Überforderung oder nach Trennungen – blieben allzu viele Familien auf sich allein gestellt.
Kös
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