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knw Kindernetzwerk e.V.
Dachverband der Selbsthilfe von Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen

1. Deutsche KindergesundheitsgipfelKinderrechte in der Kindermedizin

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Am 29. und 30. April fand in Tutzing der 1. Deutsche Kindergesundheitsgipfel statt, gedacht als eine Expertentagung zur Bedeutung der Kinderrechte in der Kindermedizin. Organisiert wurde diese Tagung von Herr Professor Dr. Klein, ärztlicher Direktor der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München.
In Kooperation mit Vertretern aller deutschen Universitätskinderkliniken und der National Coalition Deutschland wurde ein Programm entwickelt, in dem verschiedene Fachleute aus Medizin, Forschung, Politik und Gesellschaft das Thema Kinderrechte untersuchen und beleuchten sollten.

Die Verortung der Tagung in der Akademie für politische Bildung in Tutzing, gab einen ersten Hinweis auf die Zielrichtung des Themas. Die Akademie, seit 1957 eine Institution der politischen Bildung, dient als Forum des wissenschaftlich-politischen Austausches und der Diskussion und ist, laut eigener Aussage, eine „Stätte der Weiterbildung für alle, die zur politischen Meinungsbildung beitragen und diese fördern wollen".

Somit war der Rahmen gesetzt – es sollte um Kinderrechte, Medizin und politische Meinungsbildung gehen.

Der erste Tag gestaltete sich sehr interessant und verlangte den Tagungsgästen einiges an Konzentration und Sitzfleisch ab. Nach Grußworten und Einführungsvorträgen wurden die Geschichte der Kinderrechte beleuchtet, die aktuellen Herausforderungen in der Kindermedizin dargestellt, die Beziehung zwischen Kinderrechten und Kindermedizin analysiert und die ethischen Dilemmata beider in Zeiten der Ökonomisierung skizziert. Unzählige interessante Aspekte wurden benannt und diskutiert, so dass der Zuhörer vieles zu bedenken hatte; doch nicht genug damit. Am Abend, nach dem Abendessen, verlangte noch einen Vortrag in englischer Sprache den letzten Rest der Konzentration – es ging um die rechtsbasierte Annäherung an Kinderrechte. Wie kann sie gestaltet werden, bzw. soll sie überhaupt gestaltet werden? Kann man also eine zwingend logische Beziehung zwischen deutschem Recht und Kinderrechten herstellen? Nach diesem anspruchsvollen Vortrag entließ man die müden Zuhörer zu einem anschließenden Sektempfang, der gerne angenommen wurde.

Der nächste Tag begann mit einer Analyse von Kindermedizin und Kinderrechten aus Sicht des Staatsrechts. Professor Dr. Dres. h.c. Paul Kirchhof, ein ehemaliger Verfassungsrichter, ging der Frage nach, welche Fragen ein krankes Kind an die Verfassung, das Grundgesetz, stellt. Er listete die diesbezüglich bereits bestehenden Gesetze auf und zeigte somit, dass es nicht an der gesetzlichen Verankerung von Kinderrechten in Deutschland mangelt, wohl aber an deren Umsetzung. Dennoch plädierte er dafür, den Kinderrechten Verfassungsrang einzuräumen. Er betonte, dass Investitionen in die ersten fünf Jahre von Kindern eine solide gesundheitliche Rendite in den späten Jahren des Lebens erzeuge. Aus diesem Grund plädierte Herr Professor Kirchhof auch dafür, der Kindermedizin Verfassungsrang zukommen zu lassen, da sich dies gesamtgesellschaftlich lohne. Der nachfolgende Vortrag nahm diese Gedanken auf und beleuchtete die damit verbundenen Handlungsherausforderungen für die Gesundheitspolitik. Eine Podiumsdiskussion zur Umsetzung des Gedankens, Kinderrechte in der Kindermedizin wirksam werden zu lassen, bildete den offiziellen Abschluss des Tages.

Alle Vorträge und Diskussionen der Tagung fanden auf sehr hohem Niveau statt, die Vortragenden waren medizinische, gesellschaftliche oder politische Hochkaräter, aber wo waren die Eltern, die zu den Kindern gehören, wie die Henne zum Ei? Oder, um im Thema zu bleiben, wie Kinderrechte und Elternrechte?

Natürlich waren Elternvertreter eingeladen und auch gekommen. AKIK und knw boten einen Workshop an, in der allgemeine Strukturvorgaben zur Umsetzung der Kinderrechte in der Kindermedizin diskutiert werden sollten. Neben diesem Workshop gab es weitere, die sich mit Pflegeschlüssel, Krankenhausplanung und der psychosozialen Versorgung beschäftigten. Alle Workshops fanden am Nachmittag des zweiten Tages statt, nach dem offiziellen Abschluss der Tagung. Ein Drittel aller Tagungsgäste war daher bereits abgereist und die Universitätsmedizin betreffenden Workshops waren für die verbliebenen Gäste eindeutig interessanter als das, was die Elternvertreter anzubieten hatten. Somit wurde der AKIK/knw Workshop schwach besucht. In der abschließenden Darstellung der Workshopinhalte konnte dennoch deutlich gemacht werden, dass sich Eltern- und Kinderrechte bedingen und dass die Diskussion, wie und ob Kinderrechte im Grundgesetz verankert werden können, nicht ohne die Eltern geführt werden kann.

Es gilt also, sich zu engagieren.

Wir sollten nicht versäumen zu zeigen, wie unbedingt notwendig in diesem Prozess die eigene Kompetenz der betroffenen Kinder und die erlebte Kompetenz der Eltern ist, die genau wissen, ob und wie Kinderrechte in der medizinischen Landschaft umgesetzt werden (und nicht nur in den Universitätskliniken). Der 1. Deutsche Kindergesundheitsgipfel war ein Anfang. Nun muss es weiter gehen und knw wird diesen Prozess begleiten.

Dr. Annette Mund, Vorsitzende des Kindernetzwerks

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