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knw Kindernetzwerk e.V.
Dachverband der Selbsthilfe von Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen

Kirsten Schindler, 12.07.2020Wo ist der Corona-Rettungsschirm für Familien mit pflegenden Angehörigen?

Die Pandemie hat pflegebedürftige Personen und ihre berufstätigen Angehörigen in eine besonders schwierige Situation gebracht und ein Ende ist für diese Personengruppe noch nicht in Sicht. Für berufstätige Angehörige existieren seit Jahren die Angebote „Pflegezeit" und „Familienpflegezeit" für längerfristige Arbeitseinschränkungen. Dahinter verbergen sich Angebote für eine befristete unbezahlte Freistellung. Darüber hinaus kann bis zu einer vorgegebenen Höchstgrenze zum Ausgleich des Lohnverlustes ein zinsloses Darlehen beantragt werden, welches später über eine monatliche Ratenzahlung zurückzuzahlen ist. Als Unterstützung für die Angehörigen wegen der COVID-19-Pandemie hat die Bundesregierung lediglich die Ankündigungsfrist gegenüber den Arbeitgebern reduziert und die Rückzahlung der Darlehen erleichtert. Das reicht auf keinen Fall aus!

Von vielen Seiten, wird immer wieder erklärt, dass gerade pflegende Angehörige vor einer besonders großen Herausforderung stehen, aber entsprechende Entlastungsangebote fehlen. Pflegende Angehörige brauchen wegen ihres familiären und gesellschaftlichen Beitrages einen besonderen Schutz. Vor dem Hintergrund der voraussichtlichen zweiten Welle im Herbst und, dass pflegebedürftige Personen meistens zur Risikogruppe gehören, brauchen diese Familien dringend entlastende Angebote. Als Akuthilfen für pflegende Angehörige in Zeiten der Corona-Pandemie sind Regelungen in Anlehnung an das erhöhte Kurzarbeitergeld notwendig.

Stellvertretend für viele andere betroffene Familien hier ein kurzer Einblick in meine letzten vier Monate. Vor Corona bestand der normale Alltag mit meiner mehrfachbehinderten 19-jährigen Tochter aus gut organisierten abgestimmten Zeitfenstern. Stabile Organisationsstrukturen sind für mich als Alleinerziehende mit Vollzeitjob das Fundament unseres lebbaren Alltags. Normalerweise hat meine Tochter von acht bis 15 Uhr einen Beschäftigungsplatz in einer Fördergruppe, wo Menschen mit Mehrfachbehinderungen „arbeiten", die noch keine Werkstatttauglichkeit aufweisen. Am Nachmittag und gelegentlich auch abends übernehmen feste Bezugspersonen, dazu gehört auch der Papa, die Betreuung meiner Tochter. So kann ich auch kleine Zeitfenster für meine individuellen Bedürfnisse organisieren. Mit meiner temperamentvollen und immer aktiven herzkranken Tochter ist das Leben geprägt durch zahlreiche ärztliche Behandlungen und Therapien, einem hohen Betreuungsaufwand, klare Grenzsetzungen, monotone Gespräche und Handlungen, Sorgen, aber auch herzerwärmender Erfüllung, Abenteuer und losprustendes gemeinsames Lachen.

Dann kam Corona! Für meine Tochter mit schwerem Herzfehler und bereits eingeschränkter Lungenfunktion eine Katastrophe. Die Förderbereiche sind seit März 2020 bis Anfang Juli 2020 für den Regelbetrieb geschlossen. Derzeit wird an umsetzbaren Hygienekonzepten gefeilt und eine eingeschränkte Betreuung angeboten. Im Vorfeld eines Besuchs haben die Angehörigen gegenüber der Förderstätte zu erklären, dass sie auf das nicht völlig auszuschließende Infektions- und Erkrankungsrisiko hingewiesen wurden und sich dennoch für einen Besuch entschieden haben. Die Förderstätten, als Schutzräume für Menschen mit Beeinträchtigung konzipiert, sind gegenwärtig Gefahrenzonen. Dort finden sich nunmehr geballt Menschen zusammen, die zur Risikogruppe gehören und denen die konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen überhaupt nicht oder nur teilweise möglich ist. Somit ist meine Tochter seit vier Monaten zu Hause und ich versuche meine Anforderungen aus meiner Vollzeitbeschäftigung im Homeoffice zu erfüllen. Ich versuche mit den tagtäglichen Anforderungen von Assistenz beim Aufstehen, Essen, Pflegen und Beschäftigen fertig zu werden. Die festen Betreuungspersonen sind immer noch da, innerhalb dieser Zeitfenster versuche ich meine dienstlichen Anforderungen zu erfüllen. Was alles in allem einer Quadratur des Kreises gleich kommt. Sobald ich meine unzähligen Mails bearbeitet, Telekonferenzen absolviert und mich in meine Projekte sowie Konzepte gedanklich eingearbeitet habe, ist die kostbare Zeit schon wieder zu Ende. Private und Dienstzeit gehen fließend ineinander über. Was bleibt, ist das eigene Gefühl nichts und niemanden 100-prozentig gerecht zu werden. Individuelle Bedürfnisse, die Zeit erfordern, sind nicht möglich. Meine Belastungsgrenze ist fast erreicht. Auch ein gemeinsamer Urlaub reicht nicht mehr aus, die Energiespeicher aufzufüllen. Dazu kommt die große Sorge um meine Tochter. Wie kann ich sie schützen? Wie soll es weitergehen? Wird das entwickelte Hygienekonzept für die Förderstätte meiner Tochter ausreichend Schutz bieten? Letzte Woche erläuterte mir unser Kinderkardiologe: „Sollte Ihre Tochter unter einer Corona-Infektion Probleme bekommen, hat sie keine Chance."

Zu den alltäglichen Sorgen kommen finanzielle Ängste. Wie eingangs beschrieben, umfasst die stattliche Corona-Hilfe für Familien mit pflegenden Angehörigen lediglich veränderte Meldefristen. Wie vor Corona können pflegende Angehörige ein zinsloses Darlehen zum Ausgleich des Lohnverlustes beantragen, welches später zurückzuzahlen ist. Da frage ich mich, wieso bekommen Wirtschaftsunternehmen mit Umsatzrückgängen einen finanziellen nicht rückzahlbaren Zuschuss? Für die Rettung der Lufthansa wird mehr Geld ausgegeben als zur Unterstützung von Familien und Kindern. Warum sollen Familien wie wir, die diese schwierige Corona-Zeit mit hohem Kraftaufwand zu meistern haben, auch die Belastung der Verschuldung auf sich nehmen? Derzeit sind diese Familien ohne Perspektive und hoffen auf ein Ende der Krise. Familien wie unsere, haben Angst vor dem Virus und vor Verschuldung. Jeder Mensch kann jederzeit unverschuldet in eine solche Situation geraten. Daher besteht kurzfristig Regelungsbedarf auch unabhängig vom Pandemiegeschehen. Ich wünsche mir, dass die Politik uns eine Alternative gibt, damit wir den täglichen Herausforderungen mit oder ohne Corona, weiterhin kraftvoll bewältigen können.