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knw Kindernetzwerk e.V.
Dachverband der Selbsthilfe von Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen

Fragen & Antworten vor dem Hintergrund der Corona-PandemieLieferengpässe bei Kinderarzneimitteln


 

Links/ weitere Infos:

21.04.2020:

In den letzten Jahren sind Lieferengpässe bei Medikamenten, inklusive Kinderarzneimitteln, immer größer geworden. Die Gründe hierfür sind vielfältig wie verwoben: Mit diesem Beitrag geben wir einen Überblick und Antworten auf die derzeit drängendsten Fragen: „Sind meine Medikamente von Lieferengpässen betroffen?" und "Welchen Einfluss nimmt die Corona-Pandemie darauf?"

Lieferkette für Medikamente: die verheerende Rechtslage

Mit dem Paragraf 130 im SGB V führte der Staat 2003 ein Gesetz ein, das sogenannte Rabattverträge zwischen gesetzlichen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern ermöglicht. In einem solchen Vertrag gewährt ein Pharmahersteller einer Krankenkasse einen Preis-Rabatt für ein Medikament; im Gegenzug wird der Produzent der exklusive Lieferant der Kasse.

Ziel des Gesetztes war es eigentlich, Lieferengpässe künftig auszuschließen, da die exklusive Vertragsbindung unter der Auflage erfolgt, die Arzneimittel nach drei Monaten zu liefern. Jedoch wollen gesetzliche Krankenkassen auch Kosten sparen und somit die Beiträge für Versicherte klein halten. Und Pharmaunternehmen wollen ihre Gewinne maximieren, weswegen sie die eigene Produktion nach und nach an immer kostengünstigere Produktionsstandorte verlagert haben oder Wirkstoffe und Arzneimittel heute gleich von Firmen aus China oder Indien beziehen.

So hat der Kostendruck dazu geführt, dass es heute oftmals keine europäischen Wirkstoff-Hersteller mehr gibt, sondern nur noch einzelne große, außerhalb der EU. Nach Schätzungen des Interessenverbands Pro Generika werden rund 80 Prozent der Wirkstoffe in der EU im Nicht-EU-Ausland produziert. Wenn diese einen bestimmten Wirkstoff gerade nicht produzieren können, kommt es weltweit zu Lieferengpässen. Und Konkurrenzunternehmen, die in der Vergangenheit keinen Rabatt-Vertrag mit der Krankenkasse abschließen konnten, können einen plötzlich auftretenden Mehrbedarf in der Regel nicht schlagartig auffangen, da ihr vorheriger Ausschluss bereits zu einem Lieferstopp geführt hat, erklärt der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller.

Ein verheerendes Beispiel: Sogar bei Ibuprofen kommt es zu Lieferengpässe, weil das Medikament weltweit an gerade mal sechs Standorten produziert wird - darunter China, Indien und die USA.

Verschärfung der Probleme durch Generika und fehlende Vorratslager

Generika sind Medikamente, die Originalpräparate nachahmen, die keinen Patentschutz mehr haben. Sie machen heute rund vier Fünftel der Medikamente, die es in Deutschland auf Rezept gibt, aus. Und: Sie sind in der Produktion wesentlich günstiger. So wetteifern insbesondere Generikahersteller um die Lieferung eines Wirkstoffes und Rabattverträge mit den gesetzlichen Krankenkassen. Zugleich werden diese Zustände in der Versorgungssicherheit verschärft durch den Umstand, dass deutsche und europäische Pharmahersteller nicht über eigene Vorratslager verfügen.

Zur Einschätzung der aktuellen Lage: Laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat sich die Zahl der nicht verfügbaren Medikamente mit Rabattverträgen in zwei Jahren fast verdoppelt - von 4,7 Millionen Packungen in 2017 auf 9,3 Millionen in 2019.

Verschärfen sich die Ausfälle in der Corona-Pandemie?

Die Sorge vieler Familien mit chronisch kranken Kinden/Jungendlichen, dass sich diese Probleme mit der Coronapandemie nochmals verschärfen, kommt nicht von ungefähr: Die meisten Hersteller von Wirkstoffen für Medikamente, die als versorgungsrelevant eingestuft werden, befinden sich in Indien, China und Italien; Indien z.B. hat Anfang März einen Exportstopp für 13 Wirkstoffe verhängt - darunter Antibiotika, Schmerzmittel wie Paracetamol und Vitamine.

Die Auswirkungen auf die deutschen Märkte sind aber schwer abschätzbar, weil das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) versucht, hier gegenzusteuern: Wenn ein Lieferengpass für ein versorgungsrelevantes Arzneimittel gemeldet wird, sucht das BfArM nach Alternativen auf dem Markt. Oft bekommt der Endkunde davon gar nichts mit, da er ein Medikament mit dem gleichen Wirkstoff erhält.

Lieferengpässe selbst überprüfen

Auf dieser Seite der BfArM können Sie selbst recherchieren, ob die von Ihnen benötigten Medikamente davon betroffen sind: https://lieferengpass.bfarm.de. Und da die Engpässe auch Arzneimittel betreffen, die aufgrund ihrer Zusammensetzung nicht so leicht austauschbar sind, sollten Patienten auch kontrollieren, ob das Vergleichspräparat genau den verschriebenen Wirkstoff enthält. Das geht über die „Gelbe Liste Arzneimitteldatenbank": https://www.gelbe-liste.de/datenbanken.

Langfristige Lösungsansätze von Experten

Doch gerade in Zeiten der Coronapandemie fordern viele Experten, diese Probleme an der Wurzel anzupacken und aus der aktuellen Krise zu lernen:

"Der Staat ist in der Pflicht, ein funktionsfähiges Gesundheitssystem zu gewährleisten", erläutert Prof. Dr. med. Klaus-Peter Zimmer, Leiter der Abteilung Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie der Gießener Universitätskinderklinik und Mitglied im wissenschaftlichen Beraterkreis des knw. "Ein wesentliches Problem ist, dass die aktuelle Ökonomisierung in Medizin und Gesundheitsweisen mit ihrem kurzfristig angelegten Effizienz- und Gewinnanspruch mit einer ausreichenden Vorsorge und Vermeidung von Krisensituationen (z.B. durch Vorhaltung ausreichender Schutzausrüstung und Labortests) aber auch von mittel- und langfristigen Komplikationen von chronischer Erkrankung im Kindes- und Jugendalter schlicht nicht vereinbar ist. Vielmehr müssen die Auswirkungen der Ökonomisierung auf die aktuelle Lage schonungslos analysiert und Verantwortliche auch zur Rechenschaft gezogen werden", fordert Zimmer weiter mit Verweis auf einen Engpass bei einem verkehrsfähigen Antitoxin gegen Diphterie seit 2014: Obwohl der Engpass bekannt war, wurden Eltern nicht informiert, dass die lebensrettende Behandlung einer akuten Diphtherie in Deutschland nicht regelrecht möglich ist und eine Diphtherie-Impfung daher umso wichtiger ist. Bis heute redet das Bundesgesundheitsministerium seine diesbezügliche Verantwortung klein, während die Haftung aber weiterhin bei Ärzten und Apothekern liegt.

Dass es an der Zeit ist, Maßnahmen zu ergreifen, um die Versorgungsichertheit wieder herzustellen, führt auch Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), aus: „Die Hersteller müssen verpflichtet werden, Lieferengpässe zu melden. Es braucht auch Eingriffe in die Rabattverträge". Auch brauche das BfArM mehr Kompetenzen, um in die Lagerhaltung und Kontingentierung von Arzneimitteln einzugreifen.

Eine langfristige Lösung visiert auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI) an und fordert, die Anbietervielfalt und die standortgebundene Pharmaindustrie in Europa wieder zu stärken.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Hier ist der Gesetzgeber gefragt.