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knw Kindernetzwerk e.V.
Dachverband der Selbsthilfe von Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen

Das Vorurteil, wonach Sport und eine chronische Erkrankung nicht vereinbar ist, ist auch heute noch allgegenwärtig. Da Eltern, Lehrer und auch Ärzte mitunter von jeglicher körperlichen Belastung abraten, verzichten viele chronisch kranke Kinder und Jugendliche von sich aus auf den Sport. Dies beeinträchtigt aber nicht nur die körperliche Aktivität, sondern auch das Selbstwertgefühl und die Konzentrationsfähigkeit. Doch was müssen alle Beteiligte beachten, wenn ein chronisch krankes Kind am Schulsport teilnimmt?

Die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die Entwicklung und die Gesundheit im Kindes- und Jugendalter ist heute angesichts des veränderten Freizeitverhaltens mit deutlich geringerer körperlicher Aktivität größer denn je. Das trifft im gleichen Maß auf gesunde wie auch chronisch kranke Kinder zu.

Kinder- und Jugendärzte stellen bei den gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen im Kindes- und Jugendalter zahlreiche Entwicklungsstörungen, Verhaltensstörungen und körperliche Auffälligkeiten fest, die mit einem Bewegungsmangel assoziiert sind. Hierzu gehören insbesondere Störungen am Skelettsystem, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und motorische Auffälligkeiten.
Bei Schülerinnen und Schülern werden immer häufiger Konzentrationsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten beklagt.

In den Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung (Rütten und Pfeifer 2016) werden tägliche Mindest-Bewegungszeiten definiert, die altersabhängig zwischen 90 und 180 Minuten betragen bzw. täglich mindestens 12000 Schritte. Um diesen Bewegungsumfang zu erreichen wird der Schulsport dringend benötigt.

Daher ist es wichtig, dass Eltern und Lehrer im Verbund mit den Kinder- und Jugendärzten Möglichkeiten finden, dass auch chronisch kranke Kinder von den vielfältigen positiven Wirkungen des Schulsports profitieren. Körperliche Einschränkungen der chronisch kranken Schüler dürfen daher nicht zu einer kompletten Freistellung vom Schulsport führen. Über eine differenzierte Bescheinigung zur Teilnahme am Schulsport ist es möglich, dass nahezu alle chronisch kranken Kinder am gemeinsamen Schulsport mit den Klassenkameraden teilnehmen können.

Nutzen der Bewegung für die Entwicklung von Kindern

Zahlreiche Untersuchungen belegen die Rolle der körperlichen Aktivität und der Reduktion sitzender Tätigkeiten für eine gesunde körperliche, psychosoziale und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Körperliche Aktivität hat positive Wirkungen auf das kardiovaskuläre und metabolische Risikoprofil, die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die kognitive Leistungsfähigkeit, die muskuloskelettale Gesundheit sowie die Prävalenz von Übergewicht/Adipositas (aus Rütten und Pfeifer, 2016).
Die regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Fitness, die Knochengesundheit und das Selbstwertgefühl. Sie vermindert das Ausmaß einer Adipositas oder beugt diese gar vor und reduziert das kardiometabolische Risiko, insbesondere die Insulinresistenz und den Bluthochdruck. Hierbei gilt, dass je höher die Umfänge von körperlicher Aktivität sind, desto höher wird auch der gesundheitliche Nutzen angenommen. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass das Ausmaß an körperlicher Aktivität im Vorschulalter die Bewegungszeit im Erwachsenenalter positiv beeinflusst.

Therapeutische Effekte von Bewegung, Spiel und Sport

Kinder mit chronischen Erkrankungen haben dasselbe Bedürfnis wie gesunde Kinder, körperlich aktiv zu sein (Hebestreit u. a. 2002). Die Möglichkeit, Bewegung, Spiel und Sport ausüben zu können, dient auch als Gradmesser für ihre Lebensqualität und Gesundheit.

Eine ungerechtfertigte Einschränkung von Bewegung, Spiel und Sport ist bei chronisch kranken Kindern kontraindiziert (Steinki & Kauth & Ulbrich 2001). Bewegung, Spiel und Sport fördern über Selbsterfahrung und Erfolgserlebnisse ihr Selbstbewusstsein und ihre Integration. Bewegung hilft, ihre körperliche Belastungsfähigkeit zu steigern.
Bei zahlreichen chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter gelten Bewegung, Spiel und Sport als wichtige Säule der Therapie.

Anhand des Krankheitsbildes Asthma bronchiale soll im Folgenden die differenzierte Teilnahme am Schulsport erörtert werden. Asthma bronchiale ist eine Erkrankung der Lungen, die gekennzeichnet ist durch eine Enge der Bronchien, eine bronchiale Entzündung und Atemwegsverengungen. Dadurch reagiert die Bronchialschleimhaut im Laufe der Zeit überempfindlich (hyperreaktiv) auf eine Vielzahl von Reizen.

Was durch die Teilnahme am Schulsport erreicht werden soll

Nach heutigem Wissensstand gelten Bewegung, Spiel und Sport neben der medikamentösen Therapie als wichtige Bestandteile im Behandlungskonzept von Asthmatikern. Für betroffene Kinder und Jugendliche wird, je nach Schweregrad, in der Medikation ein Stufenplan erstellt: Bedarfsbehandlung mit Beta-2 Sympathomimetika, Dauerbehandlung mit Entzündungshemmern und Steroiden.

Einige wichtige Verhaltensregeln (nach Heimann & Mikulsky & Doumen 2002) lauten:

>Asthmakranke Kinder und Jugendliche dürfen nicht in «Watte» gepackt werden.

Sie sollen
> so viel wie möglich an der frischen Luft sein und sich aktiv bewegen, z.B. Treppen steigen statt Aufzüge benützen, Erledigungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad machen.

Sie müssen
> «Kaltstarts» vermeiden sowie Situationen, die einen Asthmaanfall auslösen können
> Allergenen (Hausstaubmilben, Tierhaaren und Tierhautschuppen, Baumpollen, besonders von Birke, Erle und Haselnuss, sowie Gräser- und Kräuterpollen) soweit wie möglich aus dem Weg gehen
> Kontakt mit Staub, Kalksandstein und Glaswolle meiden sowie Inhalation von Zigarettenrauch meiden
> Bewegung im Freien während starker Allergenbelastung der Atemluft, bei Kälte und/oder Nebel soweit wie möglich reduzieren
> psychische Belastungen, Aufregung, Ärger gar nicht erst aufkommen lassen.

Zudem sollten Betroffene über atemerleichternde Positionen aufgeklärt sein und diese bei Bedarf anwenden können! Zu den atemerleichternden Möglichkeiten gehören:

> die Lippenbremse (sie verlangsamt das Ausatmen durch die geschlossenen Lippen). Dabei wird der Atemstrom abgebremst und die Bronchien bleiben durch den Innendruck länger geöffnet
> der Bettsitz, der Kutschersitz, der Tischsitz, die Bettposition (Liegen in Seitlage).

Voraussetzungen für die Teilnahme am Sportunterricht

Es muss Beschwerdefreiheit gegeben sein.
Der Peakflow-Wert (vereinfachte Lungenfunktionsmessung durch das Kind mit einem Handgerät) sollte bei mindestens 80 Prozent des Normalwertes liegen! Bei geringeren Werten und Asthmabeschwerden ist anzuraten, auf körperliche Anstrengung akut zu verzichten. Gegebenenfalls erfolgt vorbeugend eine Inhalation von schnell wirksamen Beta-2-Sympathomimetika etwa 20 - 30 Minuten vor der körperlichen Belastung (Erweiterung der verengten Bronchien mit deutlicher Senkung des Atemwiderstands).

Ein Kind mit Erkältung darf nicht am Schulsport teilnehmen, weil die Bronchien durch den Infekt bereits gereizt sind. Wer erst vor kurzem einen Asthma-Anfall hatte, muss Rücksprache mit dem behandelnden Arzt nehmen. Die Teilnahme am Sportunterricht ist erst dann wieder möglich, wenn der Arzt dies zulässt. Körperliche Belastungen mit hoher Intensität über einen Zeitraum von 4 bis 10 Minuten stellen ein besonders Risiko dar. Deshalb sollten Betroffene keine entsprechenden Läufe unter Zeitdruck (z.B. für die Notengebung) absolvieren. Besonders gefährlich kann körperliche Anstrengung bei kalter und trockener Atemluft und bei Nebel sein.

Bewegung, Spiel und Sport im Freien sind problematisch bei folgenden Bedingungen:

> bei einer allergenbelasteten Umgebung, z. B. Sport in der Nähe einer blühenden Wiese
> bei vorhandenem Pollenflug (wenn ein exogenes allergisches Asthma vorliegt)
> bei Kälte – außer es wird eine Gesichtsmaske getragen (Skischullandheim)
> beim Aufwärmen. Empfohlen wird eine langsame, intervallartige Aufwärmphase
> beim alpinen Skilauf und Skilanglauf, die als ungeeignete Sportarten gelten

 

Was tun bei Problemen? Notfallmaßnahmen kennen!

Die Sportlehrkraft sollte darauf achten, dass

> das Kind sein bronchienerweiterndes Spray im Sportunterricht dabei hat und weiss, in welcher Dosis das Medikament angewendet wird.
> Sportlehrkräfte und Übungsleiter im Verein über die Erkrankung unterrichtet sind und die erforderlichen Notfallmaßnahmen kennen. Zudem müssen die atemerleichternden Stellungen den
Betroffenen und ihren Betreuerinnen und Betreuern bekannt sein und notfalls auch angewandt werden können.

Das Vorurteil „Sport und Asthma – das passt nicht zusammen!" hält sich noch immer hartnäckig! Deshalb verzichten viele asthmakranke Kinder und Jugendliche von sich aus auf das Sporttreiben – oder Eltern, Lehrkräfte und manchmal auch Ärzte verbieten ihnen jegliche körperliche Belastung oder raten davon ab, weil sie Angst vor einem Asthmaanfall haben.
Mit der Meidung körperlicher Aktivität ist zwangsläufig eine Minderung der körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden. Deshalb werden bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma oftmals Störungen des Selbstwertgefühls, des Körperbildes, der Konzentration und der sozialen Entwicklung beschrieben. Kindern mit Asthma darf auf keinen Fall die Chance verwehrt werden, am Sportunterricht und an Wettkämpfen teilzunehmen (Heimann & Mikulsky & Doumen 2002). Körperliche und psychische Schwächen lassen sich durch regelmäßige körperliche Aktivitäten positiv beeinflussen.

Nach Hebestreit (2002) zeigen sich die positiven Wirkungen einer regelmäßigen körperlichen Betätigung in der Verbesserung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit und einer Steigerung der Bewegungskoordination. Wesentliche Verbesserungen in beiden Bereichen sind bereits nach wenigen Wochen nachweisbar:

Körperliche Belastungen verringern das Risiko, einen Asthmaanfall zu erleiden, die Asthmasymptome treten weniger stark auf und die Fehlzeiten in der Schule werden geringer. Die Empfindlichkeit (Reagibilität) des Bronchialsystems wird möglicherweise herabgesetzt. Die Eltern mit chronisch kranken Kindern sollten daher unbedingt das Gespräch mit der Sportlehrkraft suchen und auf die besondere Situation ihres Kindes verweisen. Das passiert bedauerlicherweise immer noch zu selten. Eine differenzierte ärztliche Bescheinigung zur Teilnahme am Schulsport kann dabei hilfreich sein.

Dieser Schwerpunkt wurde von Katharina Maidhoff-Schmid erarbeitet.

Basis-Literatur:
FJ. Durlach, T. Kauth, H. Lang, J. Steinki
Das chronisch kranke Kind im Schulsport
Handreichungen für Sportlehrerinnen, Sportlehrer und Eltern
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
Stiftung „Sport in der Schule"
Baden-Württemberg
ISBN 3-9810683-6-X
978-3-9810683-6-8

weitere Literatur beim Verfasser:
Dr. med. Thomas Kauth
Kinder- und Jugendarzt/Sportmedizin
Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin BDEM
71638 Ludwigsburg
dr.t.kauth@kinderjugendarztpraxis.de