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knw Kindernetzwerk e.V.
Dachverband der Selbsthilfe von Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen

Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Depressionen – 20 Prozent der Kinder in der Bundesrepublik Deutschland weisen psychische Auffälligkeiten auf und zehn Prozent sogar deutlich erkennbar zutage tretende Störungen. Damit zählen seelische Erkrankungen zu den häufigsten Krankheiten der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Wir stellen Ihnen in unserem Themenportal die bedeutendsten kinder- und jungendpsychiatrischen Störungsbilder, Risikofaktoren, Studien und Programme zur Hilfe vor. Die Beiträge sind unserem KinderSpezial, das Kindernetzwerk-Magazin für Betroffene und Ärzte, entnommen.

Im Anhang links finden Sie weitere wertvolle Informationen ...

psychische Erkrankung

 

Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – Wie sieht die aktuelle Versorgungslage aus?

Prof. Dr. med. Marcel Romanos ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Seit April 2012 lehrt er Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Würzburg und leitet die dazugehörige Klinik und Poliklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Pyschosomatik und Psychotherapie. Wir haben ihn zur aktuellen Versorgungssituation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie befragt.

Werden psychisch auffällige Kinder und Jugendliche heute zufriedenstellend versorgt oder eher nicht? Wo bestehen noch die größten Defizite?
Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden und es gibt mittlerweile in vielen Regionen eine gute Versorgung mit Kinder- und Jugendpsychiatern und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Auch hinsichtlich der Qualität der Versorgung hat es eine deutliche Verbesserung gegeben und es werden zunehmend Therapieangebote gemacht, die hinsichtlich Ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich solide überprüft wurden. Auch die existierenden Leitlinien, z.B. zu Essstörungen, ADHS oder Autismus beruhen auf einem hohen Evidenzniveau.

Dennoch gibt es weiterhin viele Regionen, in denen Wartezeiten von einem Jahr und länger bestehen und ein Psychotherapieplatz weit und breit nicht zu finden ist. Auch ist eine wohnortnahe Versorgung nicht überall gegeben und lange Anfahrtswege müssen in Kauf genommen werden. Dies trifft sowohl für den ambulanten wie auch stationären Bereich zu. Obwohl die stationären und teilstationären Bereiche zuletzt wieder ausgebaut wurden, sind in den vorherigen Jahrzehnten in erheblichen Maße Betten reduziert worden, die heute dringend nötig sind und fehlen.

Größte Defizite bestehen sicherlich im Bereich der Kinder mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung. Für diese Kinder besteht eine eklatante Mangelversorgung, die auch den körperlichen Bereich betrifft, aber für den Bereich psychische Gesundheit unerträglich ist. Diese Kinder leiden auch unter den getrennten Leistungsansprüchen im Sozialgesetzbuch, da bei diesen Kindern regelhaft mehrere Behinderungsarten (geistig, körperlich, seelisch) zutreffen und die mühsame Klärung der Zuständigkeit der Kostenträger oftmals zum Nachteil der Kinder erfolgt.

Was sollten Eltern psychisch kranker Kinder in einer Krisensituation tun?
Bei psychischen Krisensituationen muss in allererster Linie an eine akute Selbstmordgefahr gedacht werden. Wenn eine akute Suizidalität vorliegt, ist das ein unmittelbarer und zwingender Aufnahmegrund auf einer Akutstation. Steht diese Frage im Raum und die Eltern – oder auch Lehrer und Betreuer in Einrichtungen – wissen nicht weiter, ist in jeder Region eine Notfallversorgung durch zuständige Kliniken oder den Dienst der niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater gewährleistet. Manche Krisensituationen sind belastend, erfordern aber nicht unbedingt ein sofortiges Handeln durch den Facharzt. Wenn Kinder beispielsweise aggressiv werden, so gilt es eine grundsätzliche Klärung der Ursachen und Zusammenhänge herbeizuführen, aber nicht jede Krise mit Aggression muss zu einer Aufnahme führen. Eine Erziehungsberatungsstelle oder der Hausarzt kann hier erste Hilfestellung geben und gegebenenfalls an Fachleute weitervermitteln.

Das Thema Transition also der Übergang in die Erwachsenenmedizin spielt heute eine große Rolle. Wie sieht es hier bei der Kooperation Jugend-/Erwachsenenpsychiatrie aus?
Dieses Thema wird aktuell politisch und fachlich intensiv diskutiert und es wird in den nächsten Wochen einige Publikationen dazu von den beiden akademischen Fachgesellschaften der Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP e.V.) sowie Psychiatrie (DGPPN e.V.) geben, die beschreiben werden, welche Rahmenbedingungen für Transition in beiden Fächern Konsens sind. Natürlich existieren bereits Kooperationen, die eine gelungene Transition ermöglichen, allerdings sind viele davon noch nicht standardisiert und systematisiert. Eine flächendeckende Einführung von Standards für Transition ist das mittel- und langfristige Ziel.

Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Störung zu entwickeln. Gibt es da wirksame Hilfsangebote?
Es gibt in vielen Städten Präventionsprogramme für Kinder psychisch kranker Eltern, die beispielsweise durch Gruppentraining die Resilienz der Kinder, also ihre Widerstandsfähigkeit, erhöhen sollen. Für betroffene Eltern ist es wichtig, dass sie sich konsequent in Behandlung begeben, um für Ihre Kinder da sein zu können. Andererseits ist es wichtig, dass sie sich Hilfe holen, wenn sie merken, dass sie durch ihre Erkrankung zu stark eingeschränkt sind und ihr Kind leidet. Was wir noch mehr schaffen müssen, ist bei den Therapeuten der Eltern mehr Bewusstsein für die Kinder zu schaffen und die Familien aktiv aufzufordern, die Kinder zur Diagnostik zu bringen, wenn Belastungszeichen auftreten.