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knw Kindernetzwerk e.V.
Dachverband der Selbsthilfe von Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen

Placebo, Kontrollgruppe, doppelblind… Was ist wichtig zu wissen, bevor Ihr Kind an einer Studie teilnimmt?

01.03.2021: Sie haben sich schon immer gefragt wie Studien eigentlich funktionieren und was es zu beachten gibt? Eventuell wurden Sie schon einmal von Ihrem Neuropädiater angesprochen, ob Ihr Kind an einer Studie teilnimmt? Im Folgenden soll erklärt werden, wie Studien grundsätzlich geplant und durchgeführt werden, was Chancen und Risiken einer Teilnahme sind und was die Rechte der Teilnehmenden an einer Studie sind. Das soll Sie bei der persönlichen Entscheidung für oder gegen eine Teilnahme unterstützen. Eine Studienteilname ist immer freiwillig und erfolgt nur mit Ihrem Einverständnis!

Bei Studien denken die meisten wahrscheinlich an Medikamentenstudien. Davon gibt es natürlich auch ganz viele. Es kann sich bei Studien aber auch um zum Beispiel psychosoziale Studien handeln. Beispielsweise wird untersucht, wie die Erkrankung sich auf die Lebensqualität oder auf das Familiensetting auswirkt, warum eine neue Operationstechnik günstiger ist oder warum eine rechtzeitige Versorgung mit Hilfsmitteln wichtig ist. Für Forscher ist es wichtig, Gegebenheiten zu untersuchen und belegen zu können und nicht allein auf Vermutungen Medikamente zu verschreiben. Insofern sind Studien wichtig für die medizinische Versorgung, aber auch ganz generell, um das Leben mit einer Muskelerkrankung zu verbessern.

Wie laufen Medikamentenstudien ab?

Medikamente werden in verschiedenen Schritten entwickelt und erprobt: Zunächst wird ein neuer Wirkstoff nach seiner Erfindung intensiv im Labor und dann an Tieren überprüft. Er darf nur an Menschen getestet werden, wenn er sich dort bewährt hat. Klinische Studien haben verschiedene Phasen. Im ersten Schritt wird das Medikament von gesunden Freiwilligen getestet. Das nennt man Studien der Phase I. Hierbei geht es um die Verträglichkeit des Wirkstoffs und noch nicht um eine heilende oder lindernde Wirkung, da die Freiwilligen ja gesund sind. Man sieht, wie der Wirkstoff im Körper wandert, wie schnell er wieder ausgeschieden wird und ob er gut vertragen wird. An Phase I Studien nehmen in der Regel keine Kinder und Jugendlichen teil. Wenn die Ergebnisse hiervon positiv waren, kommt es zur Verarbeitung als Medikament zum Beispiel in Tablettenform oder als Injektion (Lösung zum Spritzen). Dann kann er bei Erkrankten erprobt werden. Hier handelt es sich dann um Studien der Phase II, die zeigen sollen, ob das Medikament wirkt. Neben der Verträglichkeit geht es hier auch darum, die beste Dosis für die Behandlung zu ermitteln. Wenn das Medikament in Phase II wirksam war, wird es in der Phase III noch einmal mit einer größeren Anzahl Erkrankter überprüft. Bei seltenen Erkrankungen ist die Anzahl der Studienteilnehmer kleiner. Wichtig ist die Erhebung von selteneren Nebenwirkungen. Sobald Phase III ebenfalls erfolgreich verläuft, kann vom Hersteller die Zulassung beantragt werden. Sobald das Medikament eine Zulassung bekommen hat, kann es vom Arzt verordnet werden.

In Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für die Medikamentenzulassung zuständig. Soll es in allen Ländern innerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes zugelassen werden, wird die Zulassung über eine zentrale europäische Behörde, die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), mit Sitz in den Niederlanden bearbeitet und durch die Europäische Kommission erteilt. Die Zulassung von Medikamenten für Seltene Erkrankungen – und dazu gehören die meisten neuromuskulären Erkrankungen – erfolgt immer in einem zentralisierten Verfahren über die EMA.

Auch wenn ein Medikament eine Zulassung bekommen hat, werden manchmal weitere Studien durchgeführt. Dann geht es zum Beispiel noch um diese Fragen: Wie gut eignet sich das Medikament für Erkrankte mit Begleiterkrankungen? Lässt sich das Medikament sinnvoll mit anderen Medikamenten kombinieren? Diese Studien mit zugelassenen Medikamenten heißen Studien der Phase IV.

Wirkstoffe, die sich bei Erwachsenen bewährt haben, werden dann auch für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen überprüft. Die richtige Dosierung muss für jede Altersgruppe in eigenen Studien ermittelt werden. Kann ein Medikament bei Erwachsenen nicht ausreichend getestet werden, etwa weil die Erkrankung überwiegend bei Kindern auftritt, ist es auch möglich, direkt eine Studie mit Minderjährigen durchzuführen. Die Dosis wird bei den ersten Phase-II-Studien sehr vorsichtig gewählt und von Studie zu Studie nachjustiert.

Bei Seltenen Erkrankungen

Dies war der grundsätzliche Ablauf einer Medikamentenstudie. Bei den neueren Medikamenten für Neuromuskulären Erkrankungen werden die klassischen Stufen oft nicht so durchlaufen. Das Prozedere ist bei Seltenen Erkrankungen oder Kindern oft anders. Manche neuen Therapien wie zum Beispiel Spinraza® oder Gentherapien können bei Gesunden nicht getestet werden. Die Phasen II und III der Studien werden oft kombiniert.

Rahmenbedingungen für eine Studie

Medikamente dürfen nur erprobt werden, wenn sie sich zuvor in den Tests im Labor und mit Tieren bewährt haben. Jede Studie muss vor Studienbeginn genehmigt werden entweder durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte oder durch das Paul-Ehrlich-Institut. Diese beiden Einrichtungen unterstehen dem Gesundheitsministerium. Für die Genehmigung erhalten diese eine genaue Beschreibung der geplanten Studie vom Auftraggeber. Eine Ethikkommission bestehend aus Ärzten, die nicht an der Studie mitwirken, zunehmend auch aus Patientenvertretern sowie Fachleuten für Ethik und Recht, wägt den Nutzen der Studie gegen ein mögliches Risiko für die Teilnehmenden ab und gibt ihr Einverständnis zur Studie.

Die Behörden und die Ethikkommission werden über den Fortgang der Studie informiert und können zum Beispiel beim Auftreten ernster Nebenwirkungen entscheiden, was getan werden soll. Das kann bis zum Studienabbruch führen. Der Auftraggeber einer klinischen Studie muss eine Patientenversicherung abschließen. Falls jemand während der Studie oder in der Nachbeobachtungszeit trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen gesundheitlichen Schaden erleidet, der auf die Studie zurückzuführen ist, kann er dadurch entschädigt werden. So etwas kommt äußerst selten vor, kann aber nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Studien mit Kindern und Jugendlichen müssen so geplant werden, dass jede vermeidbare Belastung für sie unterlassen wird. Das bedeutet beispielsweise, dass Untersuchungen nicht öfter durchgeführt werden als zwingend nötig. Bei einer Studienteilnahme erhofft man sich im Allgemeinen natürlich auch, das vielversprechende Medikament zu bekommen. Für aussagekräftige Ergebnisse ist es aber nötig, eine Kontrollgruppe zu haben. So kann es passieren, dass man ein bewährtes Medikament oder ein Placebo (Scheinmedikament ohne Wirkstoff) bekommt. Die Ergebnisse der Patienten mit dem neuen Wirkstoff sowie die Ergebnisse der Patienten, die nicht das Medikament bekommen haben, werden dann verglichen und ausgewertet. Es kann auch sein, dass mehrere Medikamente miteinander verglichen werden. Dann gibt es mehrere Gruppen, welche unterschiedliche Medikamente nehmen, um diese miteinander vergleichen zu können. Das nennt sich mehrarmig. Damit ein möglichst aussagekräftiges Ergebnis entsteht, sehen die Medikamente bei allen gleich aus und weder Patient noch Arzt wissen, um welches Medikament es sich handelt. Letzteres nennt man dann doppelt verblindet. Wird von einer randomisierten Studie gesprochen, bedeutet das, dass ausgelost wird, wer welches Medikament oder ggfs. das Placebo bekommt. Die zufällige Verteilung soll sicherstellen, dass nicht etwa alle „Gesünderen" in einer Gruppe und alle „Kränkeren" in der anderen Gruppe sind. Erst nach Abschluss der Studie können Sie erfahren, welches Medikament Ihr Kind bekommen hat. Jeder Teilnehmende bekommt eine Codenummer und wird während der Studie stets mit den Medikamenten behandelt, die diese Codenummer tragen.

Wie läuft eine Studie für Ihr Kind ab?

Wenn Sie sich für eine Teilnahme an einer Studie interessieren, erhalten Sie als Eltern zunächst die Patienteninformationsschrift. In dieser ist das Ziel, der vorgesehene Ablauf der Studie, die Vorteile und Risiken sowie vorhersehbare Unannehmlichkeiten und Nebenwirkungen beschrieben. Ist Ihr Kind in einem Patientenregister vermerkt, können Sie für eine Studienteilnahme kontaktiert werden. Sie können alle Fragen bezüglich der Studie Ihrem Arzt stellen. Am besten notieren Sie sich diese im Vorfeld des Gesprächs, um nichts Wichtiges zu vergessen. Ihr Kind erhält eine altersgerechte Aufklärung je nach Alter und geistiger Reife.

Wenn Sie teilnehmen möchten, füllen Sie eine schriftliche Einwilligungserklärung aus. Haben beide Eltern das Sorgerecht für das Kind, müssen sich auch beide schriftlich mit der Teilnahme einverstanden erklären. Zudem muss Ihr Kind zustimmen, wenn man davon ausgehen kann, dass dieses reif genug ist, um die Bedeutung einer Studienteilnahme einzuschätzen. Wenn ein Kind nicht zustimmt, dann wird es auch nicht in die Studie einbezogen, selbst wenn beide Eltern das wünschen. Manchmal erfordert eine Studie eine genetische Begleituntersuchung. Hierzu muss selbstverständlich auch erst zugestimmt werden.

In der Einschlussuntersuchung wird untersucht, ob Ihr Kind wirklich an der Studie teilnehmen kann. Im Verlauf der Studie wird Ihr Kind in vorgesehenen Abständen untersucht. Mit diesen Kontrolluntersuchungen wird vor allem überprüft, ob Ihrem Kind die Behandlung guttut. Falls Nebenwirkungen auftreten, sollten Sie das mit dem Arzt besprechen. Es ist zu jedem Zeitpunkt möglich, die Teilnahme an der Studie abzubrechen. Allerdings ist es sehr ungeeignet, die Medikamente ohne Rücksprache mit dem Arzt einfach abzusetzen. Es darf aus einem Studienabbruch kein Nachteil entstehen. Ärzte dürfen dem Abbruch nicht widersprechen und müssen nun wieder mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten behandeln. Wenn man im Fall eines Abbruchs an einer Abschlussuntersuchung teilnimmt, bleibt der Versicherungsschutz aus der Studienteilnahme gewahrt. In der Abschlussuntersuchung nach der letzten Behandlung wird die gesundheitliche Verfassung mit der von der Eingangsuntersuchung verglichen.

Manchmal werden aus unterschiedlichen Gründen Studien eher beendet als vorgesehen:

Das zu untersuchende Medikament hat frühzeitig eine überragende Wirksamkeit gezeigt.
Es kam zu schwerwiegenden Nebenwirkungen bei einigen Teilnehmenden, vor denen andere bewahrt werden sollen.
Schon während der Studie zeigte sich, dass das untersuchte Medikament weniger wirksam ist als die Vergleichsbehandlung.

Wenn die Studie extrem gut abschneidet und das Medikament allen Teilnehmenden zur Verfügung gestellt wird, können Sie entscheiden, ob Ihr Kind damit behandelt werden soll. Das Gleiche gilt, wenn die Studie verändert weitergeführt wird.

Ergebnisse jeder Patientenstudie sollten veröffentlicht werden. Für Studien der Phase III ist dies durch das deutsche Arzneimittelgesetz vorgeschrieben. Auch negative Studienergebnisse sind wichtige Informationen. Die Veröffentlichung erfolgt im Internet und oft zusätzlich in einem Artikel in einer medizinischen Zeitschrift. Darin kommen keine Daten einzelner Patienten vor. In der Regel dauert es mehrere Monate bis die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Vielen Dank an Herrn Prof. Kirschner für die fachliche Beratung!

 

Quelle:

DGM-Newsletter 01-2021
DGM Bundesgeschäftsstelle
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